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"Die frühzeitige Diagnose ist nicht nur für die Behandlung wichtig, sondern auch um selbstbestimmt die eigene Zukunft mitgestalten zu können"

Dr.in Asita Sepandj über die Diagnose "Demenz" und mögliche Therapieformen.

Wien, 19.04.2012

Demenzhilfe Österreich: Warum erfolgt die Diagnose „Demenz“ in den meisten Fällen erst zu spät?

Oberärztin Asita Sepandj: Sehr häufig wird Vergesslichkeit als eine typische Alterserscheinung gesehen, erste Symptome werden damit bagatellisiert. Häufig versuchen Betroffene Symptome zu überspielen, weil sie sich dafür schämen. Wichtig ist es, frühe Anzeichen wie Vergesslichkeit, Orientierungsstörungen, sozialen Rückzug, das Vernachlässigen von Interessen (Persönlichkeitsveränderungen) wahrzunehmen und ernst zu nehmen. Dann sind HausärztInnen die ersten AnsprechpartnerInnen, die an entsprechende Einrichtungen oder FachärztInnen weiterverweisen.

Demenzhilfe Österreich: Welche Möglichkeiten zur Früherkennung gibt es?

Oberärztin Asita Sepandj: Die fachärztliche Untersuchung mit ausführlicher Anamnese und Außenanamnese, die neuropsychologische Untersuchung (Testung der kognitiven Leistungen), ergänzende radiologische Untersuchung (Magnetresonanztomographie/MRT des Schädels), Laboruntersuchung und EKG (zum Ausschluss möglicher somatischer Erkrankungen als  Ursachen einer Demenz). In bestimmten Fällen Ultraschall der Halsgefäße (Carotisduplex), EEG (Elektroenzephalogramm) und/oder PET (nuklearmedizinische Untersuchung).

Demenzhilfe Österreich: Wie verläuft die Krankheit?

Oberärztin Asita Sepandj: Die Demenzerkrankung ist eine chronisch fortschreitende Erkrankung, wobei anfänglich Merkfähigkeitsstörungen, sowie zeitliche und räumliche Orientierungsstörungen im Vordergrund stehen. Im weiteren Verlauf kommt es zur Beeinträchtigung weiterer kognitiver Funktionen (Auffassung, Verständnis…), in der Folge zu Störungen des Erlebens, Befindens und Verhaltens und zu neurologischen Störungen (z.B.: Gangstörung, Schluckstörung, Inkontinenz….), bis zum Verlust der motorischen Fähigkeiten und damit Bettlägerigkeit. Man darf sich das so vorstellen, wie die Entwicklung vom Erwachsenen zurück zum Säugling (Retrogenese Theorie nach Barry Reisberg).

 

 

Demenzhilfe Österreich: Welche Therapiemöglichkeiten empfehlen Sie?

Oberärztin Asita Sepandj: Ich empfehle die medikamentöse Therapie mit Antidementiva, gleichzeitig ist es wichtig vorliegende organische Erkrankungen adäquat und altersgerecht zu behandeln. Bei Vorliegen von Störungen des Befindens, des Erlebens und daraus resultierenden Verhaltensstörungen, empfehle ich die symptomatische psychopharmakologische Therapie dieser Symptome. Mindestens so wichtig ist eine entsprechende Tagesstruktur und strukturierte Betreuung, die auf die Besonderheiten einer Demenzerkrankung Rücksicht nehmen, sowie die Beratung von betreuenden Angehörigen und professionellen BetreuerInnen.


Demenzhilfe Österreich: Kann man Demenz vorbeugen?

Oberärztin Asita Sepandj: Der größte Risikofaktor für eine Demenzerkrankung ist das Alter. Daher bleibt uns nur die Möglichkeit möglichst gesund zu altern, das bedeutet ein bewusster und möglichst gesunder Lebensstil. Ähnlich wie bei den Herz-/Kreislauferkrankungen gilt es Bluthochdruck, Zuckerkrankheit, Übergewicht, Rauchen, mangelnde Bewegung, Depressionen und mangelnde geistige Aktivität rechtzeitig zu behandeln oder zu verändern, um den Beginn einer Demenzerkrankung damit hinauszuzögern. Ausnahmen stellen genetisch bedingte Demenzerkrankungen dar, die jedoch nach heutigem Wissensstand nur einen sehr geringen Anteil ausmachen.

Demenzhilfe Österreich: Welche Hürden haben die Betroffenen meist zu erwarten?

Oberärztin Asita Sepandj: Die frühzeitige Diagnose ist nicht nur für die Behandlung wichtig, sondern auch um selbstbestimmt die eigene Zukunft mitgestalten zu können (Stichwort Vorsorgevollmacht), um das Umfeld (Betreuende/Angehörige) aufzuklären und Missverständnisse zu vermeiden, und gemeinsam bürokratische Hürden (Pflegegeld, Bewilligungen…) zu bewältigen. 


Frau Dr.in Asita Sepandj, geboren in Wien, studierte Medizin an der Universität Wien und promovierte 1992. Seitdem arbeitete sie in verschiedenen psychiatrischen Einrichtungen und absolvierte die Ausbildung zur Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie. Seit Jänner 2010 ist sie Leitende Oberärztin des GerontoPsychiatrischen-Zentrums.

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